Ina, Physiotherapeutin, 25J,

INA, Physiotherapeutin, 25J,

Abschluss 75 Sitzungen tiefenpsychologisch-fundierte Psychotherapie 1x/W. Differenzierte Auseinandersetzung mit ihrer Partner-Beziehung & Selbst-Findung. Depression, Berufswechsel, Abhängigkeit von Eltern und Freund mit Alkoholismus.


Lieber Torsten,

Eineinhalb Jahre nach unserem letzten Treffen möchte ich Dir eine Rückmeldung geben über mein weiteres Ergehen. Sehr oft denke ich an unsere Gespräche.

Im letzten Jahr haben mir die Erfahrungen über so einige Schwierigkeiten hinweggeholfen. Auch habe ich einige positive Rückmeldungen erhalten, wenn es um Problemgespräche mit Freundinnen ging. Ich scheine immer besser die richtigen Fragen zu finden, um "der Sache auf den Grund zu gehen".

Mein Freund konnte sich nach vielen Gesprächen endlich besser öffnen sowie Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle äußern. Es war ein sehr glücklicher Sommer 2001, den ich mit ihm verlebt habe.

Einige Schatten tauchten zwischendurch auf, die ich aber erst einmal nicht ernst nahm. Auf einer Fete am Bootshaus tauchte er betrunken auf. Sein Freund war schwer an Leukämie erkrankt, er hatte gerade erfahren, dass sich sein Zustand extrem verschlechtert hatte. Ein heulendes Häufchen Elend - an dem Tag, als ich ihn im Ruderverein vorstellen wollte. So mussten wir uns erst einmal im Umkleideraum verkriechen, bis er wieder einigermaßen
ansprechbar war. Danach machte ich mich mit ihm schnell auf den Heimweg.

Anfang Oktober letztes Jahr holte ich ihn zu einer Familienfeier zu Hause ab. Er benahm sich seltsam, aber erst im Auto wurde mir klar, dass er schon wieder betrunken war. Auf dem Weg zu meinen Eltern legte ich deshalb eine Pause ein, ging mit ihm längere Zeit spazieren. Zum Glück ist sein Zustand danach nur meiner Schwägerin aufgefallen, die ihn ja auch schon länger kannte.

Mitte Oktober waren wir zu einem Geburtstag eingeladen. Obwohl die Freunde ganz nah am Bahnhof wohnen, verabredete ich mich mit ihm am Bahnhof. Zu Recht, wie ich feststellte, als wir uns trafen. Er trank gerade den Rest Schnaps aus einer Flasche. Ich setzte mich mit ihm in die S-Bahn und brachte ihn zu seinen Eltern nach Hause.

An diesem Samstag war mit ihm nicht mehr zu reden. Unterwegs hatte er mir nur erzählt, dass es bei der Wiedereinschreibung an der Uni Probleme gab - zum Wintersemester wollte er sein Studium wieder aufnehmen. Ich fuhr dann noch alleine auf die Feier.

Sonntag war mit ihm morgens nicht viel besser zu reden - dicker Kopf. Ich bot ihm an, meine Schwägerin anzurufen. Sie war in der Examensvorbereitung und hatte die Zeit, mit ihm zusammen seine Studienunterlagen durchzusehen und sich im Dekanat zu erkundigen.


Montag rief ich bei meinem Freund an. Er sagte, er sei müde, hätte gerade geschlafen, wolle jetzt nichts unternehmen. Vernünftig reden war mit ihm nicht möglich. Ich bat ihn, mich anzurufen, wenn ich mit ihm wieder sprechen könnte, ich würde mir die "Umsonst-Anrufe" doch gerne sparen.

Dienstag erfuhr ich von meiner Schwägerin, dass er sich bei ihr noch nicht gemeldet hatte. Kurze Zeit später rief sie bei mir wieder an: er hätte sich angehört, als stünde er unter Alkohol.


Nach dieser Nachricht fuhr ich zu ihm.
Von einem sehr besoffenen Freund erfuhr ich so ziemlich alles, was es so zu wissen gab:

  • er hatte bezüglich seines Studienstandes gelogen (noch kein Vordiplom, also noch längere Studiendauer),
  • er war nicht an der Uni gewesen, um sich einzuschreiben,
  • er hatte sich auch im Sommer nicht wieder auf das Studium vorbereitet.


Wir vereinbarten, dass er Mittwoch um 15 Uhr zu mir kommen sollte. Wir wollten dann eine Bekannte anrufen, die ihm damals geholfen hatte, als er zum ersten Mal wegen Depressionen in einer Klinik war und mit ihr in Ruhe überlegen, wie es weitergeht. Irgendwie ging ich in dem Moment immer noch davon aus, dass die Depressionen im Vordergrund stünden, der Alkohol nur Begleiterscheinung sei.


Mittwoch hatte ich im Praktikum früher Schluss, war um 13.30 Uhr mit einer Freundin zum Schwimmen verabredet. Lange hielt ich es nicht im Wasser aus, hatte einfach keine Ruhe. Um 14 Uhr war ich wieder zu Hause und erhielt wenig später von seinem, Vater einen Anruf. Er sei betrunken und nicht wach zu kriegen.

In der Nacht war er noch losgezogen und hatte sich Nachschub geholt. Dienstag hatte ich mir von ihm noch die Telefonnummer von der Bekannten geben lassen. So hatte ich dann von 14.15 Uhr .bis 16.15 Uhr den Telefonhörer am Ohr, gab erst meiner Schwägerin Bescheid, rief dann bei der Bekannten in Dortmund an, anschließend in der Klinik.


Erst in diesem Gespräch wurde mir klar, dass es in erster Linie ein Alkoholproblem war. Nach vielem Hin und Her hatte ich schließlich die Aussage, dass er sich Donnerstag um 8 Uhr telefonisch nach einem freien Bett erkundigen sollte. So fuhr ich dann wieder zu ihm nach Hause, hielt mit den Eltern Krisensitzung (wie schon Samstag), bis er gegen 19 Uhr wieder ansprechbar war. Im Laufe des Abends wurde er immer klarer, erkundigte sich, welche Nummer er wann anrufen sollte etc. Er hatte den Willen, die Nacht ohne Alkohol durchzuhalten, der Vater wollte ihn unterstützen.


Donnerstag morgen rief ich kurz vor 8 Uhr vorn Praktikum aus an. Er zitterte zwar, die Nacht war aber überstanden. Um halb 9 Uhr rief ich dann wieder an, ob es denn nun geklappt hatte. Ja, ein Bett war frei. Sein Vater holte ihm vorn Hausarzt die Einweisung und fuhr mit ihm im Taxi hin.

Freitag abend konnte ich ihn besuchen und war erstaunt, wie gut es ihm ging (dank Distra).Samstag abend hatten wir Glück, dass er alleine auf einem Zimmer lag - da konnte mir die Nähe auch wieder die Kraft geben, die ich in der vergangenen Woche aufgebracht hatte. Auch den Sonntag verbrachte ich dort.


Montag nachmittag fuhr ich zu einer Freundin mit der Bitte, mich festzuhalten, ich müsste jetzt Abstand gewinnen und er muss ohne mich zurechtkommen. Bei dieser Freundin konnte ich mich dann auch endlich ausheulen. Und ich war glücklich, dass ich mich in diesem Schritt richtig um mich selbst gekümmert hatte.


Auch in der gesamten folgenden Zeit wurde mir klar, wie gut ich in der Zeit bei Dir gelernt habe, meine Bedürfnisse zu erkennen und mit meinen Kräften richtig umzugehen. Immerhin hatte ich es geschafft, während der gesamten Zeit im Praktikum vollen Einsatz zu zeigen. Auch die Nächte hatte ich durchgeschlafen.

Mit meiner besten Freundin - leider örtlich getrennt- hatte ich fast täglich Telefonkontakt. Meine "Schwäger-Freundin" war der zweite wichtige Halt. Vor Ort hatte ich auch eine Freundin, bei der ich mich auch mal akut ausheulen konnte, die mich aber in der Zeit auch selber brauchte. Geben und nehmen gleichzeitig. Es tat der Freundschaft sehr gut, dass wir uns gegenseitig soviel geben konnten.


Nach seiner Entlassung aus der Klinik, ging ich mit ihm zu einer Selbsthilfegruppe, obwohl mich das starke Rauchen dort sehr störte. Mit meinem Auto war es ja nicht so weit. Anfang des Jahres wurden unsere Besuche dort seltener - mal war es nur Glatteis, mal hatte er keine Lust. Dann zog es mich auch nicht gerade dorthin. Mit der Zukunftsplanung hielt ich mich zurück, wollte ihn nicht bedrängen.


In der Zwischenzeit hatte er einige Kurzzeitjobs gehabt - Fahrgastzählungen. für ein Verkehrsberatungsunternehmen, Mitte April stand dann eine Qualitätsprüfung in Bussen an - für einen Monat. Nach Ostern verbrachte ich ein Wochenende in der Heide. Mittwochs hatte ich mit ihm noch darüber geredet, wie es denn jetzt beruflich weitergehen solle bei ihm.


Bereits im Herbst kam von Freunden der Vorschlag, ich solle doch mit ihm zusammenziehen, dann wäre er ja bei den Eltern raus. Von seinen "zwei Nachmittage in der Woche für die Apotheke Medikamente ausfahren" konnte er sich ja auch nichts Eigenes leisten.

Bis zum Ende meiner Ausbildung - das war mir aber ganz klar - brauche ich meine eigenen vier Wände. Als dann im April die Überlegung "in einem Jahr" anstand, erklärte ich, dass ich mit ihm erst zusammenziehen würde, wenn er vorher einen eigenen Haushalt geführt hat. Dies also auch Thema vor einem Wochenende ohne Treffen.


Verabredet waren wir wieder für Dienstag - zum Besuch bei der Selbsthilfegruppe. Dienstag erhielt ich nachmittags statt Besuch von ihm einen Anruf von seinem Vater. Mein Freund hatte seit Mittwoch wieder getrunken. Ich fuhr dort vorbei, um ihn mit zur Selbsthilfegruppe zu nehmen. Dazu war er gar nicht in der Lage.

Er war Mittwochs bei mir weggegangen und hatte sich an der Tankstelle Dosenbier gekauft, seitdem wieder eine Menge konsumiert. Am nächsten Montag sollte er an einer Schulung für den neuen Job teilnehmen, Donnerstag anfangen. Wie sollte das jetzt klappen?

So fuhr ich dann völlig verzweifelt alleine nach Bonn und erhielt in der Selbsthilfegruppe genau die Unterstützung, die ich nötig hatte. Wichtig war der Ratschlag, jetzt Abstand zu halten, er müsse sich wieder melden. Dies teilte ich ihm telefonisch mit, als ich heimkam. Mittwoch konnte ich mich erfolgreich ablenken.


Jeden Tag telefonierte ich mit Freunden. Donnerstag rief ich bei seinem Vater an, um ihm zu erklären, warum ich mich mit Telefonaten zurückhielt. Ich ging davon aus, dass er ein Telefonat nicht mitbekommen würde. Dieser Anruf schockte mich etwas, da sein Vater ihn mittags vor die Alternative gestellt hatte nicht zu trinken oder die Wohnung zu verlassen. Mein Freund war gegangen und bis zum Gespräch um ca. 21 Uhr noch nicht wieder aufgetaucht. Der Vater hatte am Hbf und im Wald gesucht, ihn aber nirgendwo gefunden.

Für mich war es ein mulmiges GefühI. Würde er gleich bei mir auftauchen? Saß er irgendwo im Wald? Kurze Zelt später erhielt ich einen Anruf von seinem Vater – er sei in der Klinik. Erst war ich begeistert, dasser diesen Schritt alleine geschafft hatte. Dann kam der Hammer: er war zwangseingewiesen worden, besoffen vom Bahnsteig gefallen - zum Glück kam gerade kein Zug. Freitag  rief er mich dann selber an.


Der Arzt hatte ihm in Aussicht gestellt, am Montag so entlassen zu werden, dass er seinen Termin´wahrnehmen könnte, wenn der Richter die Einweisung rechtzeitig aufheben würde. Er hatte wohl glaubhaft machen können, dass es wirklich ein Unfall und keine Selbstmordabsicht gewesen war. Glück im Unglück, eine so kurzfristige Entziehung hätte er sonst nicht hinbekommen.

Ich wusste nicht, ob ich die Kraft haben würde, ihn wieder dort zu besuchen und teilte ihm das auch mit. Meine Schwägerin bot mir sofort an, den Sonntag bei ihr zu verbringen, wenn ich es brauche.

Sonntag morgen, als er wieder anrief, war ich dann aber nach einem intensiven körperlichen Arbeitseinsatz (Aufräumarbeiten am Bootshaus) am Samstag wieder fit - körperlich und geistig.

Von Dienstag an hatte ich an Appetitlosigkeit gelitten, mich nach reiner Vernunft ernährt, das Wichtigste an Vitaminen und Nährstoffen. Ich achtete sehr darauf, dass keine richtige Essstörung daraus entsteht, in der Gefahr sah ich mich durchaus. Aber die Arbeit am Samstag hatte mich hungrig gemacht und die Gulaschsuppe anschließend hatte ich gut vertragen. Damit war zumindest diese Krise überwunden.

Mein Freund war bereits auf die offene Station verlegt worden. So konnten wir einen Spaziergang unternehmen, der uns beiden gut tat, obwohl er körperlich sehr schwach war. Er machte sich große Sorgen, ob es mit dem Richter am Montag klappen würde. Montag Abend erfuhr ich, dass die Einweisung bereits Samstag aufgehoben worden war, man es ihm nur nicht mitgeteilt hatte. Donnerstag trat er seinen Dienst an und "funktionierte" einen Monat lang sehr gut. Der feste Zeitplan jeden Tag tat ihm gut, obwohl es manchmal extrem ungünstige Zeiten waren.


Bei unserem Freundeskreis waren wir in dieser Zeit sehr regelmäßig, gehörten dazu. Auch ich hatte mich mit dem Rauch soweit abgefunden, dass ich mich in der Runde wohl fühlen konnte. Am 18. Mai, nach Abschluss seines Jobs, waren wir gemeinsam auf dem Polterabend einer Freundin, Ich war froh, als er mit einem alten Bekannten von mir ins Gespräch kam, da ich mich in dieser Zeit mit gutem Gewissen anderen Freunden zuwenden konnte. Auf Feiern fand er immer schlecht neue Kontakte, ich "hing immer bei ihm fest".

Pfingstmontag waren wir bei meinen Eltern und mit ihnen und den Kindern meiner Cousine unterwegs. Dienstag Freundeskreis, Mittwoch ein gemütlicher Abend, Freitag fuhr ich alleine nach Köln, da ich ja Donnerstag und Freitag immer seinen Apothekenjob hatte. Für Samstag waren wir erst zum Bürgervereinsfest verabredet, dann bei Freunden.


Als er mich am Samstag zu Hause abholte, stellte ich gleich fest, dass etwas nicht stimmt. Er erzählte, er hätte Donnerstag in der Apotheke die Kündigung erhalten und die letzten zwei Tage wieder getrunken.

Abends - die Kinder der Freunde im Bett, das Essen aufgegessen - bekam ich einen Heulanfall, wusste mit der ganzen Situation nichts mehr anzufangen. So fand dann an dem Abend noch eine Krisensitzung statt, auf der wir die beruflichen Möglichkeiten, die direkten Folgen der Kündigung - finanziell und versicherungsmäßig - erörterten sowie die nächsten Schritte planten. Da ich Montag auf Klassenfahrt fuhr, konnte ich ihn dabei nirgendwo unterstützen.

Den anschließend geplanten Kurzurlaub - Donnerstag war Feiertag, Freitag hatte ich frei, den ich von der Klassenfahrt --- gleich antreten wollte, wollte ich ebenfalls nicht opfern. Mir war klar, dass ich ihn gerade zu dem Zeitpunkt besonders brauchte.

Sonntag Abend verabschiedete ich mich von ihm und startete Montag zur Klassenfahrt. Mittwoch ging es weiter nach  Frankfurt. Von meiner Freundin aus meldete ich mich dann wieder bei ihm. Statt der erhofften Nachrichten (Langzeittherapie, Paartherapie, Umschulung oder ähnliches) hattet er nur neue "Kurzjobs" in Aussicht, die jede längerfristige Planung verhindern würden.

Zum Glück konnte ich mich bei meiner Freundin ausheulen, mich aber anschließend auch ablenken. Donnerstag waren wir den ganzen Tag unterwegs. Auf der Rückfahrt - als Beifahrerin brauchte ich mich ja nicht zu konzentrieren - war mir plötzlich klar, dass ich mich von ihm trennen musste.

Wieder hatte ich gleich die richtige Ansprechpartnerin. Als ich Samstag von ihr losfuhr, war mein Entschluss schon recht fest. Der Besuch bei einer zweiten Freundin, wieder ein langes Gespräch mit ihr und ihrer Mutter
ließ mich Sonntag in dem festen Bewusstsein in die Heimat starten, dass dieser Schritt richtig ist und ich ihn auch durchführen kann.


Ich wollte mich mit ihm Sonntag noch treffen und es ihm in Ruhe erklären. Einige Male bereits hatte ich ihm gesagt, dass ich meine Kräfte schwinden fühle und nicht wisse, wie lange ich es noch aushalten würde. Leider bekam ich ihn dann nur betrunken ans Telefon und teilte ihm mit: "Ich kann nicht mehr. Da musst du jetzt alleine durch. Melde dich, wenn du an deinem Leben etwas geändert hast."


Er meldete sich 8 Tage später aus dem Klinikum, wollte nur meine Stimme hören, egal, was ich sage. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass er nicht an dem Donnerstag den Job verloren hatte, sondern bereits Ende April einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet hatte. Das löschte den letzten glimmenden Funken Liebe in mir.


Die ersten vier Wochen habe ich zwar im Praktikum gut gearbeitet, die Nachmittage aber in erster Linie mit Dösen und Computerspielen verbracht. Zumindest zum Schwimmen ging ich regelmäßig und blieb dadurch auch außerhalb der Arbeit mit Menschen in Kontakt. In der fünften Woche stürzte ich mich wieder mit Begeisterung aufs Lernen und freute mich, meine alte Leistungsfähigkeit wieder gewonnen zu haben.


Gesehen habe ich ihn seit Ende Mai nicht mehr. Über Freunde erfuhr ich ab und zu, was es bei ihm Neues gab. Er war im Entzug und hat jetzt eine Berufsfindungsmaßnahme und anschließende Umschulung in Aussicht. Inzwischen meldet er sich alle paar Wochen telefonisch bei mir. Ich kann mich zwar mit ihm gut unterhalten. Pilze sammeln habe ich letzten Herbst von ihm gelernt, dieses Jahr suche ich schon alleine sicher - warte aber eigentlich immer nur darauf, dass das Gespräch zu Ende ist.


Für das Psychiatrie-Praktikum konnte ich einen Praktikumsplatz bekommen. Seit 4 Wochen bin ich jetzt dort im Einsatz und es geht mir damit gut. Nächste Woche ist dieses letzte Praktikum zu Ende. Dann geht es in Riesenschritten aufs Examen zu. Angst habe ich davor nicht.

Sowohl in den Vorbehandlungen, in den Befunden und in allen Klausuren hatte ich Erfolgserlebnisse. Eine völlig andere Prüfungssituation als das Lehrerexamen. Eher wie das erste Staatsexamen,
bei dem ich ja sehr erfolgreich war.



Im September verbrachte ich wieder Urlaub bei einer Freundin. Bei ihr wurde mir klar, dass es auch anderswo in Deutschland noch sehr schöne Ecken gibt, in denen ich beruflich tätig werden kann und dass ich an neuen Orten schnell Kontakte finden würde. Die Angst, meine eigene Wohnung dranzugeben ist weg.

Ich merke, dass ich in mir selber daheim bin, es mir also überall selber aufbauen kann. In weiteren Gesprächen kamen mir immer interessantere Ansätze, so dass ich jetzt auf der Suche nach einem Arbeitsplatz in der Schweiz bin: ein international anerkanntes Gesundheitssystem mit vielen Gelegenheiten Berufserfahrung zu sammeln, tolle Landschaft und gutes Klima dazu. Zwischendurch habe ich noch viel weiter entfernte Ziele im Auge gehabt, etwa Nepal oder Südafrika, Entwicklungshilfe, Animateurin auf einem Kreuzfahrtschiff... Die Ideen musste ich aber entweder wegen verlangten 2 Jahren Berufserfahrung oder wegen unsicherer politischer Lagen aufgeben.


In meiner Wohnung fühle ich mich noch sehr wohl, ebenso bin ich mit der Nachbarschaft gutem Kontakt und meinem hiesigen Wald sowie dem Schwimmverein sehr verbunden. Als Ende September das Freibad geschlossen wurde, war es gerade das Wochenende, an dem ich den Entschluss gefasst hatte, von hier wegzugehen. Etwas wehmütig wurde ich schon bei meinen letzten Bahnen - wenn die nächste Saison anfängt, werde ich wohl schon weit weg sein.


In diesem Rückblick kamen mir so einige Male die Tränen. Es sind aber Tränen der Erleichterung, dass ich alles so gut überstanden habe. Es sind Tränen des Abschieds von einem schweren Kapitel meines Lebens, in dem ich aber sehr viel gelernt habe und für das ich letztendlich dankbar bin. Jetzt erst fühle ich mich so recht dem Leben gewachsen. Ich habe ein großes Tief alleine durchstehen können. Na, so ganz alleine doch nicht. Wie oft erinnerte ich mich an deine Worte, an unsere Gespräche, an meine Träume in der Zeit.


Einen sehr ausschlaggebenden Traum habe ich erst im Nachhinein deuten können, aber vorher schon richtig umgesetzt: als ich nach jenem Mittwochabend aufwachte, hatte ich geträumt, der Papst wäre gestorben und ich hätte mit anderen Therapeuten und Ärzten die Aufgabe, ihn zu retten - nach allen Regeln der Wissenschaft. Es war alles ganz durchdacht dabei war klar, dass wir nichts mehr tun könnten.

An dem Donnerstag hatte ich mir erst einmal Sorgen um meinen Vater gemacht, "Papa", dann aber doch nicht daheim angerufen, weil das Gefühl nicht stimmig war. Erst zwei Wochen später wurde mir klar, dass es mein Freund war, der nach allen Regeln der Kunst nicht von anderen zu retten war. Das Unterbewusstsein hatte etwas gemeldet - das Bewusstsein richtig umgesetzt, sich der Nachricht wirklich bewusst zu sein. Ist doch schön, dass es so funktioniert.


Gerade im letzten Monat habe ich mich sehr intensiv an die Zeit mit Dir erinnert. Deshalb es mir ein Bedürfnis, Dir noch einmal Danke zu sagen für die wichtige Lebenshilfe.

Dieser Rückblick - eigentlich erst gar nicht so von mir geplant - tat mir dabei auch noch einmal gut. Ich glaube, ich habe das Kapitel erst damit richtig abgeschlossen.


Viele Grüße

Ina,

N.H. Lehrer, 39 J.

18 Monate tiefenpsychologisch-fundierter Psychotherapie mit 89 Sitzungen 1xW. Reaktive Depression nach aggressiven Bedrohungen beruflich & privat durch die ethnische Gruppe einer Gesamtschule bei fehlender Unterstützung bis hin zur Verleugnung des Bedrohungs-Potentials durch die Schulleiterin.

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