N.H. Lehrer, 39 J.

18 Monate tiefenpsychologisch-fundierter Psychotherapie mit 89 Sitzungen 1xW. Reaktive Depression nach aggressiven Bedrohungen beruflich & privat durch die ethnische Gruppe einer Gesamtschule bei fehlender Unterstützung bis hin zur Verleugnung des Bedrohungs-Potentials durch die Schulleiterin.

Durch die eigene Weiterentwicklung und den Rückhalt in der Therapie konnte er selbst wachsenden Lösungsdruck und Hilfe bei den Vorgesetzten erzeugen. Die Versetzung an eine passende Schule mit gesünderen Arbeitsvoraussetzungen.


Sehr geehrter Herr Dr. Milsch,

bei unserer Verabschiedung vor über einem Jahr kündigte ich an, mich einmal wieder zu melden.
Diesem Versprechen will ich nun endlich nachkommen, kurz bevor die Wogen der Arbeitsbelastung im neuen Schuljahr beginnen so manchen anderen Antrieb zu überfluten.


Das abgelaufene Schuljahr war in Bezug auf die zwei Ereignisse, die auch die Öffentlichkeit stark beschäftigt haben, - nämlich die Terrorakte vom 11. September letzten Jahres und - das Erfurter Attentat im Gutenberg-Gymnasium, nicht gerade eines, das ich mir als Wiedereinstiegsjahr hätte wünschen können.

Dabei hat mich stärker noch als die Ereignisse an sich betroffen gemacht, welche Äußerungen manche Schüler/innen aufgrund dieser VorfäIle machten.


Und so könnte ich denn klagen über:

  • Schüler/innen, die es für eine fehlerhafte Wertung halten, wenn man sagt, dass über Terrorattentate nicht gelacht werden sollte;
  • Meinungen, dass man Vorgänge wie die in Erfurt am besten überhaupt nicht besprechen sollte, da sie ja "für uns nicht relevant sind;
  • Gedanken von Schüler/inne/n, dass man gegenüber unbeliebten Lehrer/-innen ja etwas am Auto machen könnte;
  • Schüler/innen, die selbstverständlich Computerspiele mit Gewaltphantasien spielen und wissen, wo man Waffen bekommt;
  • Jugendliche, für die es ganz selbstverständlich ist, dass Gewalttexte in Songs nur gegen Ausländer oder Juden, nicht jedoch gegen Lehrer/innen kritisierbar sind;
  • eine Schülerschaft, deren Outfit zeigt, dass martialische Songs ebenso selbstverständlich sind wie bestimmte kultische Subkulturen;
  • einen introvertierten Sonderling in der  Oberstufe, der Mädchen gegenüber Mordphantasien äußerte;
  • die - (türkische) Schülerin, die nach einer wiederholten Ruhe-Ermahnung meinte, sie ginge auch bald in einen Schützenverein;
  • Kolleginnen, die es als Schwäche auslegen, wenn man auf der Grundlage der letztgenannten Äußerung den Wunsch artikuliert, in dieser Klasse im nächsten Schuljahr nicht mehr zu unterrichten (ein Wunsch, dem übrigens dann die Schulleitung entsprochen hat);
  • Kolleginnen, die offensichtlich eine Kollegin so intrigant gemobbt haben, dass diese nun trotz großen Engagements für die Schule lieber freiwillig ausgeschieden ist.


Und doch: Ich klage nicht, denn es gibt auch

  • Schüler/innen, zu denen sich hervorragende persönliche Beziehungen entwickelt haben;
  • sehr vernünftige Einstellungen, wie ich sie in der Schule nur vereinzelter kennen lernte;
  • ein Kollegium, in dem ich mich insgesamt sehr wohl fühle;
  • einen sensiblen Schulleiter, der für die Schule nur als Glücksfall bezeichnet werden kann;
  • Eltern, die unglaublich konstruktiv und positiv mit der Schule und ihren Lehrern umgehen, was ich auch schon persönlich erfahren konnte;
  • trotz mancher überlastungsbedingter Schwierigkeiten positive Entwicklungen für mich


Das Wichtigste ist für mich, dass ich trotz der Belastungen, die im letzten Schuljahr aufgetreten sind, nicht einen Tag aus psychischen Gründen fehlen musste. Ich bin in kein Loch gefallen.

Stattdessen denke ich, trotz mancher gesellschaftlich bedingter Entwicklungen, die mir grundsätzlich immer wieder den Spaß am Lehrer-Dasein verleiden, in einer Phase zu sein, in der ich aus innerlich wahrgenommenen Ängsten, die durch manche Erfahrungen geweckt/aktiviert werden, Schlussfolgerungen ziehen und dadurch sinnvolle Bewältigung leisten kann.

Alles in allem bin ich also mit meiner momentanen Belastbarkeit (nicht mit den Belastungen) relativ zufrieden, und ich hoffe, damit etwas das Bild korrigiert zu haben, das ich vielleicht bei Ihnen weckte, als wir kurz nach dem 11. September letzten Jahres telefonierten.

Ich plane übrigens, auf der Grundlage einer Gruppenerfahrung sowie zusätzlicher Literaturerarbeitung eine kollegiale Fallberatungsgruppe zu eröffnen, um somit im Austausch die Bearbeitung schwieriger Einzelfälle aller Beteiligten zu ermöglichen.

Besser die Stiere bei den Hörnern packen als nach unzureichenden Mauselöchern suchen.

Mit rückblickendem Dank für Ihr Engagement in der therapeutischen Arbeit mit mir, die sicherlich auch grundlegend zu der verbesserten Belastbarkeit beigetragen hat, und freundlichen Grüßen

N.H.

N.H. Lehrer, 39 J.

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